Der Götterglaube der antiken Griechen war unlöslich mit dem Kult verknüpft. Ihre religiösen Anschauungen und die mythologischen Traditionen sind undenkbar ohne die Kulthandlungen, die jede Stadt einzeln, aber auch alle Hellenen gemeinsam ausübten. diesen Zeremonien erwiesen die Bürger ihren Schutz göttern die gebührende Ehre; zugleich bestätigten die Kulthandlungen aber auch den Zusammenhalt der politischen Gemeinschaft der Stadt sowie die Einheit aller Hellenen als Volk.
Die antiken griechischen Kultzentren waren dk Heiligtümer, umfriedete Bezirke im Bereich der Akn polis auf einer Anhöhe der Stadt, auf dem Hauptpb der Siedlungen und in der freien Landschaft. Sie uu faßten einen oder mehrere Tempel mit der Kultstatue der geehrten Gottheit im Innern, Altäre auß halb der Tempel zur Ausführung der Kultriten, reiche Weihgeschenke, Schatzhäuser — kleine ü pelförmige Gebäude zur Aufbewahrung von Votivgaben — sowie Stoen, Säulenhallen für den Schutz Besucher vor der Witterung. Die Altäre waren wichtigsten Baulichkeiten der Heiligtümer, da hier Tieropfer stattfanden, die bedeutendsten Kulthan lungen der Bürger. Jedes große Ereignis im Leben Stadt und jedes Fest wurde von einem oder mehrei Tieropfern begleitet, die einem bestimmten F folgten. Nach dem Opfer wurde das Fleisch der Tiere zubereitet und an die Gläubigen verteilt, die . Mahlzeit an einem gemeinsamen Tisch einnahm.
Der Kult der Götter wurde vor allem während der Feste vollzogen, organisierter religiöser Veranstaltungen. Die antiken Feste wurden im Andenken an eine wichtige mythische Begebenheit gefeiert und umfaßten Prozessionen, Opfer, athletische und künstlerische Wettbewerbe. Jede Stadt veranstaltete eine Vielzahl lokaler Feste, aber die größten Götter wurden im Rahmen vier großer Feste von allen Griechen gemeinsam verehrt. Diese panhellenischen Feste waren die Olympischen, die Pythischen, die Isthmischen und die Nemeischen Spiele.
Die Olympischen Spiele waren Zeus, dem größten der Götter, geweiht und fanden alle vier Jahre im Heiligtum von Olyjnpia statt. Verschiedene Überlieferungen nennen als Gründer Herakles oder Zeus, nachdem er Kronos im Kampf um die Weltherrschaft überwunden hatte, oder auch Pelops nach seinem Sieg im Wagenrennen gegen Oinomaos (siehe Oinomaos - Pelops). König Iphitos von Elis soll die Spiele neu organisiert und den Gottesfrieden eingeführt haben, das heißt, die Waffenruhe während der Dauer des Festes. Die offiziellen Siegerlisten beginnen im Jahr 776 v. Chr., als die Olympischen Spiele bereits auf der ganzen Peloponnes Bedeutung hatten. Allmählich errangen sie panhellenische Ausstrahlung, und alle griechischen Bürger hatten das Recht, daran teilzunehmen. Allerdings war Frauen der Zutritt verboten. Das Fest dauerte anfangs nur einen Tag, später zwei, drei und schließlich fünf Tage. Verantwortlich für die Organisation der Spiele waren besondere Würdenträger, die Hellanodiken, die die Vorbereitung der Athleten und die Einhaltung der Wettkampfregeln überwachten. Am ersten Tag fanden die Opfer für die Götter statt und die Vereidigung der Athleten, und an den folgenden Tagen wurden die Wettkämpfe durchgeführt. Die wichtigsten Olympischen Disziplinen waren Lauf, Doppellauf (die Laufbahn hin und zurück), Dolichos (die Laufbahn zweimal hin und zurück), Fünfkampf (Lauf, Ringkampf, Weitsprung, Diskus- und Speerwerfen), Faustkampf, Pankration (Verbindung von Ring- und Faustkampf), Wagen- und Pferderennen sowie Waffenlauf. Am letzten Tag wurden die Sieger mit einem Kranz vom wilden Ölbaum und Geldpreisen geehrt. Ihre Namen wurden in Steinstelen gemeißelt, die Dichter schrieben Hymnen auf ihren Sieg, und ihr Heimatort empfing sie wie Heroen und ehrte sie ihr ganzes Leben lang.
Die ersten Pythischen Spiele wurden der Sage zufolge veranstaltet, nachdem Apollon Python getötet hatte, und bestanden zu Ehren des Gottes der Musik aus Musikwettbewerben. Anfangs fanden sie alle acht, aber vom 6. Jh. v. Chr. an alle vier Jahre statt. Ab 582 \ Chr. wurden sie mit Sportspielen bereichert, deren Organisatk der Amphiktyonie oblag, der Vereinigung der umliegenden Staaten. An diesem besonders beliebten Fest nahmen alle grk chischen Staaten teil.
Die Pythischen Spiele daurten sechs bis acht Tage, und ihr Programm begann mit Prozessionen der Gläubigen und mit Opfern. Daran schlössen die künstlerischen Aufführungen an m Wettbewerben im Kithara- und Flötenspiel, Dithyrambus um Drama. Die Sportspiele folgten dem Vorbild der Olympiaden und umfaßten dieselben Disziplinen. Die Sieger erhielten Lorbeerkränze und kamen in den Genuß besonderer Ehren und Privilegien.
In Nemea wurden zu Ehren des Zeus die Nemeischen Spiele gefeiert. Die Aufsicht darüber hatte anfangs die Stadt Kleonai und später Argos. Unter dem Einfluß von Argos fand das Fest ab dem 4.Jh. v. Chr. häufiger in Argos als in Nemea statt. Dem lokalen Gründungsmythos zufolge erhielt König Lykurgos von Nemea einst den Orakelspruch, daß sein neugeborener Sohn Opheltes nur stark und gesund würde, wenn man ihn nicht auf den Boden ließe, bevor er laufen lerne. Aber als seine Amme Hypsipyle das Kind eines Tages entgegen dem Verbot des Königs auf einen Eppichhaufen auf der Erde setzte, wurde es von einer Riesenschlange tödlich gebissen. Die Leichenspiele zu Ehren des Opheltes waren der Vorläufer der Nemeischen Wettbewerbe.
Im Jahr 573 v. Chr. wurde der panhellenische Charakter der Nemeischen Spiele festgelegt sowie ihre Durchfühmng alle zwei Jahre. Sie folgten dem Vorbild der Olympiaden, wurden aber später durch Musikwettbewerbe erweitert. Die Schiedsrichter der Athleten trugen im Andenken an Opheltes schwarze Trauerkleidung und verteilten Eppichkränze als Siegespreise.
D ie Furcht des Menschen vor der Unergründlichkeit des Lebens und seine Schwäche gegenüber der unendlichen Natur bewirkten, daß er es als notwendig empfand, mit dem Göttlichen in Verbindung zu treten, den höheren, das All regelnden und sein eigenes Schicksal bestimmenden Kräften. Die Kenntnis vom Willen der Götter war von jeher der wichtigste Wegweiser für das Handeln der Menschen. Die Entzifferung des göttlichen Willens geschah im antiken Hellas durch die Kunst der Weissagung, die Seher ausübten, Personen mit der Fähigkeit, die göttlichen Zeichen zu deuten.
Um zu prophezeien, deuteten die Seher Blitze und Donner, den Flug bestimmter Raubvögel, die Richtung der Flammen während der Opfer, die Eingeweide der Opfertiere und ihre Bereitwilligkeit, sich zum Altar führen zu lassen. Besonders beliebt waren die Traumdeutung und die Handlesekunst. Zu den bekanntesten Sehern und Seherinnen des griechischen Mythos gehörten Teiresias, Kalchas, Helenos, Amphiaraos und Kassandra.
Aber nicht in allen Fällen tat sich der Gott in Zeichen kund, sondern sprach auch direkt mit einem vermittelnden Menschen, der vorübergehend seine menschliche Natur überschritt und in göttliche Verzückung geriet. Der Prophet oder die Prophetin, gewöhnlich eine Frau, verkündete in Ekstase den Willen der Götter.
Auf diese praktischen Methoden, die Zukunft vorauszusagen, gründete sich die Funktion der antiken griechischen Orakel, die im Bereich organisierter Heiligtümer lagen und jeweils unmittelbar mit einer der Gottheiten verbunden waren. Apollon war das Urbild des Sehers, ihm oblag es, den Sterblichen die Entscheidungen des Zeus mitzuteilen (siehe Apollon). Das bedeutendste Orakel, das delphische, erteilte seine Sprüche durch die Vermittlung des Apollon, das älteste, das in Dodona lag, war mit Zeus verbunden.
In Delphi wurden anfangs nur einmal im Jahr, später einmal im Monat Orakel erteilt. Um einen Spruch zu erhalten, mußten die Gläubigen einen bestimmten Betrag zahlen, sich kultisch reinigen, Früchte darbringen und eine Ziege opfern. Wenn die göttlichen Zeichen während des Opfers günstig ausfielen, konnten die Fragen gestellt werden. Die Antwort erteilte die Apollonpriesterin Pythia, die zusammen mit den Priestern bestimmte Zeremonien durchführte. Erst wuschen sie sich in der Kastalischen Quelle nahe dem Heiligtum und stiegen dann in das Allerheiligste des Tempels hinunter, wo Kultgeräte, die Statue des Apollon, der steinerne Nabel der Erde und ein Bronzedreifuß über einem Erdspalt standen. Die Pythia setzte sich auf den Dreifuß, kaute Lorbeerblätter, atmete die aus dem Spall aufsteigenden Dämpfe ein und geriet allmählich in Ekstase. Der Gott sprach durch ihren Mund in unverständlicher Sprache, die die Priester hörten und deuteten. Die Antworten waren sehr häufig unklar und mehrdeutig, aber die Griechen glaubten unerschütterlich an die Richtigkeit des göttlichen Urteils, und die Orakelsprüche waren für die Entscheidungen der antiken griechischen Staaten von ausschlaggebender Bedeutung.
Das Orakel von Dodona wurde vom thesprotischen Stamm der Seiler betrieben, den ältesten Einwohnern des Gebietes. Die Seiler entzogen ihre prophetische Kraft der Erde, weshalb sie sich nie die Füße wuschen und auf der Erde schliefen. Den Willen des Gottes deuteten sie aus drei verschiedenen Klängen: dem Rauschen der heiligen Eiche neben dem Tempel, dem Schwirren der Tauben an der Kultstätte und dem Tönen des Kesselrings, eines Kreises aus bronzenen Dreifußkesseln, der seit dem 8. Jhs. v. Chr. die heilige Eiche umgab und bei Berührung erschallte. Im 4. Jh. v. Chr. war nur noch ein Kessel vorhanden, und die Kerkyräer stellten daneben die Bronzestatue eines Knaben mit einer Peitsche in der Hand, die bei Wind gegen den Kessel schlug und ihn erklingen ließ.
Von den übrigen griechischen Orakeln waren besonders bedeutend das des lokalen Heroen Trophonios in Lebadeia (Livadiä) und das Totenorakel in Ephyra im Epiros, wo die Seelen der Toten befragt wurden.
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